Umsatzsteuer-ID vom Finanzamt – Teil 2 der Odyssee

By | 28. 02. 2013

Im ersten Teil der Saga habe ich Ihnen die Beantragung der Umsatzsteuer-ID (Ust-ID) beschrieben. Wie die Odyssee weitergeht, folgt nun. Die Namen wurden verändert, die Geschichte hingegen basiert auf meinen wahrhaftigen Erlebnissen. Dramaturgische Elemente entsprechen keinesfalls der Fantasie.

Ort: Mein Arbeitsplatz.
Zeit: 2 Wochen nach dem Anruf.
Ich rufe die Vermittlung des Finanzamtes an. Einzelheiten dazu erspare ich uns. Ich verlange Herrn H.
Wieder treffe ich auf die Dame, die niemals für irgendetwas zuständig ist.

“Ich möchte bitte Herrn H. sprechen.”
”Der hat aber zwei Wochen Urlaub.”
”Gut, ich rufe an, weil ich immer noch keine Umsatzsteuer-ID oder eine Steuernummer von Ihnen habe.”
”Die habe ich aber beantragt”
”Ich habe aber nichts bekommen.”
”Haben Sie eine Steuernummer für mich?”
”Haben Sie mir zugehört? Die HABE ICH NICHT!”
”Dann suche ich nach dem Namen.”
4 Buchstabierversuche, minutenlange Recherche.
”Hmm, da müssen Sie sich wohl etwas gedulden, so schnell geht das nicht.”

Meine Geduld ist erschöpft. Zwei Monate lang leere Versprechungen, Faulheit bei der Recherche und laufende “Da bin ich nicht zuständig” – Phrasen haben das Faß zum Überlaufen gebracht. Die Odyssee muss zu einem Ende führen. Da Homer (das Finanzamt) wohl die Ankunft des Odysseus (mir) bei Penelope (die Umsatzsteuer-ID) auf 10 Jahre angesetzt hat, nimmt sich Homer nun ein besseres Schiff (die Homepage des Finanzamts).

Ich greife zu einem unfairen Trick. Das ist eigentlich nicht meine Art, aber in diesem Fall hilft nur pure Gewalt. Urbayerische Hinterfotzigkeit trifft auf Hochdeutsch mit markant ostdeutschem Einschlag (für den Bayern sowieso ein Garant für gottgegebene Aggression, mögen böse Zungen behaupten). Gut vorbereitet und geplant schlage ich mit voller Wucht zu.

“Wissen Sie, ich warte seit Mitte Dezember darauf, von Ihnen die geforderten Unterlagen zu bekommen. Andauernd muss ich Ihnen nachtelefonieren und es passiert nichts. Wie heißt denn Ihr Sachgebietsleiter?”
”Das ist der Herr M.” (ein seltener Name)
”Aber nicht etwa Manfred M.?”

Man merkt, dass die Frau damit nicht gerechnet hat. Den Namen entnehme ich der Internetseite, die ich vor mir habe.

“Äh, ja, genau der ist das.”
”Das ist ja lustig. Der ist der Nachbar einer guten Freundin von mir. Dass der Manfred im Finanzamt ist, weiß ich. Aber dass er mir weiterhelfen kann, war mir nicht klar. Wissen Sie was? Beenden wir das Gespräch einfach jetzt. Wir treffen uns eh am Samstag. Ich bespreche das mit ihm, Sie brauchen sich keine Mühen mehr zu machen. Danke auf jeden Fall für Ihre Unterstützung. Sagen Sie mir Ihren Namen nochmal?”
”Aber, äh, warten Sie, ich werde nochmal suchen, ich rufe Sie gleich zurück.”

Ort: Mein Arbeitsplatz.
Zeit: Keine 5 Minuten später.
Das Telefon schellt.

“So, ich habe nun nochmal nachgesehen, Ihre Umsatzsteuer-ID ist ja schon da! Haben Sie was zum Schreiben da?”
”Ja, habe ich.”

Sie nennt mir meine Steuernummer, meine Umsatzsteuer-ID und wünscht mir einen schönen Tag, danke für die Geduld, viel Erfolg mit dem Gewerbe und alles Gute.

Ort: Mein Briefkasten.
Zeit: Anderthalb Wochen später.
Ein Brief vom Bundeszentralamt für Steuern trudelt ein. Datiert auf den Tag nach der mündlichen Verkündung. Schwarz auf weiß, in feinstem Beamtendeutsch, wird mir meine langersehnte Umsatzsteuer-ID endlich mitgeteilt. Ich zitiere wörtlich.

Bitte beachten Sie, dass Bestätigungsanfragen Ihrer ausländischen Geschäftspartner nur dann positiv beantwortet werden können, wenn Sie exakt (auch hinsichtlich der Schreibweise) folgende Anschriftendaten verwenden:
Chris von Bavaria
Scillerstr. 21
80000 die-kleine-Gemeinde-in-Bayern

Es scheint mir, dass ich aufgrund des tragischen Tippfehlers – eines fehlenden H –  in meiner Anschrift die ganze Odyssee wieder von vorne beginnen werde. Sad smile

Einige Hinweise zum Schluss:
Warum telefoniere ich andauernd am Arbeitsplatz? Ganz einfach: Mein Arbeitgeber hat eine Flatrate und stellt das Telefon ausdrücklich zum privaten Gebrauch zur Verfügung.

Und bei den kundenfreundlichen Öffnungszeiten ist es mir nicht möglich, von Zuhause aus oder gar persönlich zu argumentieren. Ich zitiere:

Juni – Oktober:
Montag – Freitag:
7.30 – 12.30 Uhr
November – Mai:
Montag – Freitag:
7.30 – 12.30 Uhr
und Donnerstag:
14.00 – 18.00 Uhr

Zeiten, in denen Sie uns telefonisch am besten erreichen:

Montag – Donnerstag:
8.00 – 12.00 und
13.00 – 15.00 Uhr
Freitag:
8.00 – 12.00 Uhr

Die saisonalen Abweichungen lassen sich wohl durch die traditionell bayerische Biergartensaison erklären. Den Rest der Öffnungszeiten nehme ich mir für die letzten drei Jahre meines Arbeitslebens zum Ziel.

Mit Bier anstoßen

Uli Carthäuser/pixelio.de
fand die mutmaßlichen Finanzbeamten
am Nachmittag
im Biergarten.

Fazit:

– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Ich kann es mir nicht erlauben, “nicht zuständig” zu sein und aufzulegen.
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Es ruft jemand zurück. Darum kümmere ich mich auch. Die Schuld auf jemand anderen zu schieben, ist nicht die Lösung.
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Ich kann es mir nicht erlauben, das Telefon durchklingeln zu lassen.
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Die Telefonzentrale sieht, ob ich am Platz bin oder nicht. Grüner Punkt: Ja. Gelber Punkt: Nein. Roter Punkt: Beschäftigt oder am Telefon. Dementsprechend wird auch gemäß Anwesenheitsstatus verbunden und so lange drangeblieben, bis ich ans Telefon gehe (oder auch nicht).
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Dem Kunden ist es schnuppe, ob ich in Teilzeit arbeite, krank bin oder mir einen Kaffee hole. Es geht jemand ans Telefon, egal wer, und löst den Fall.
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Dem Kunden ist es schnuppe, aus welchem Grund sein Anliegen länger dauert oder ob er in der falschen Excel-Tabelle steht.
– Ich arbeite in der freien Wirtschaft. Dass es in der heutigen Zeit länger als einen Tag dauert, Daten eines zentralen Systems von A nach B zu schaufeln, glaubt kein Mensch. Selbst wenn ich einen DIN-A4 Ordner verschicke, zeugen schon drei Werktage von Schlamperei.

Haben Sie Erfahrungen mit dem Amtsschimmel gemacht? Glauben Sie, dass “Zuständiger Sachbearbeiter: Herr H.” ein Codename für “Bürger, den es zu verarschen gilt” steht? Und finden Sie es angemessen, dass man zur Ausführung seiner durch Gesetzgebung aufdoktrinierten Aufgabe so lange wartet, um loslegen zu können? Ich wartete ja nur darauf, Steuern zahlen zu dürfen!

Schreiben Sie mir. Ich freue mich auf jede Antwort.

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