Wie viel ist eigentlich eine Milliarde?

By | 30. 05. 2013

Beobachten Sie einmal die Schritte eines Kindes, Zahlen zu lernen. Die Finger werden genommen, um darzustellen, man sei drei Jahre alt. Das Kind hat keine Ahnung, was es bedeutet, merkt aber mit der Zeit, je mehr Finger man hat, um so toller ist man.

Die Gabe, dann auch noch drei Finger rechts und vier Finger links zu sieben Fingern insgesamt zusammenzufassen, kommt erst später.

Die Schule lehrt uns dann Zahlen bis 20, bis 50 und dann bis 100. Voller Ehrfurcht kann man plötzlich mit Begriffen um sich werfen, die man auch kennt.

Nun seien Sie mal ehrlich: Können Sie mit dem Begriff “Milliarde” etwas anfangen? Also nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch? Mein größter Geschäftabschluss war tatsächlich über eine Million. Ich habe dafür hart gearbeitet und zum Schluss bei Vertragsunterzeichnung das Gefühl gehabt, wirklich eine Million Euro bewegt zu haben. Wow! Ein ganz schön königliches Gefühl.

Wie viel ist eigentlich eine Milliarde? Wir werden nur noch mit Begriffen zugeballert, die unsere Vorstellungskraft weit übersteigen.

Euromünzen

Ein paar Euro kann man sich vorstellen,
aber eine Million oder gar eine Milliarde? …

Bild: Sara Hegewald/pixelio.de

Das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler beispielsweise weist jährlich die Misswirtschaft im Zusammenhang mit diesen Fremdwörtern auf. Eine Biogasanlage für 6,7 Millionen Euro, die man niemals in Betrieb nehmen wird. Werden Sie in Ihrem Leben jemals 6,7 Millionen Euro verdienen? Wenn ich noch bis zum prognostizierten Renteneintritt das Gehalt meines Chefs einstreichen würde, käme ich da nicht ran. Weit gefehlt also.

Wieso gehen wir mit diesen Fakten so gleichgültig um? Ich meine, stellen Sie sich vor, Ihr Chef würde heute auf Sie zukommen und sagen: “Meier! Ab heute arbeiten Sie für völlig umsonst. Ihr gesamtes Leben lang verdienen Sie keinen Cent mehr.” Wut, Mob, Aufstand, Anarchie und Mord wären das Resultat. Dabei geht es hier um lediglich ca. 1,0 – 3,0 Millionen Euro, je nach Verdienst und Restarbeitszeit. Wenn aber nun von unserem Geld spontan ein paar Millionen verschwinden, für die wir hart arbeiten und dann in ein Feuer werfen, sagen wir nichts. An den monatlichen Kosten für einen Flughafen, der frech in der Pampa steht, beteiligen wir uns. Jeder von uns mit 0,24 Euro pro Monat. Verschmerzbar. Aufs Jahr gerechnet würde ich beim Suchen des Lichtschalters helfen.

Die knapp 24 Euro für die Baukostenüberschreitung bei o.g. Flughafen trage ich auch noch mit Fassung. Doch die Liste wird länger. Am Ende des Monats stehen so viele Posten auf der Rechnung, dass mir ganz übel wird. 8 Euro für ein paar Drohnen, von denen man schon immer wusste, dass das Projekt schiefläuft. 90 Cent für ein Museum, das keiner besucht, 16 Cent für einen Bahnhof, der einfach scheis…schlecht geplant wurde und so weiter und so weiter.

Sie schulden übrigens irgendjemandem noch 25.000 Euro. Unserer Staatsverschuldung eben. Die verschieben wir aber auf die Zukunft. Und Sie haften mit knapp 9.000 Euro für ein paar Länder, von denen Sie die meisten nicht mal besucht haben. Wie viele Einwohner hat Griechenland? Vorname des zypriotischen Präsidenten? Telefonvorwahl von Portugal? OK, ich habe Recht, nicht wahr?

Die deutsche Gleichgültigkeit basiert auf dem Unverständnis den ganzen Zahlen gegenüber. Ein Projekt mit “…hundert Millionen”, das schiefläuft, “Mehrkosten von einer Milliarde Euro” oder “Haftung von …hundert Milliarden Euro” verstehen wir einfach nicht. Sie sind nicht greifbar. Das ist einerseits auch gut so. Wir können keinen Krieg auf unseren Straßen brauchen. Gewalttätige Auseinandersetzungen, Wurfgeschosse und Totschlag.

Andererseits ist es natürlich einfach, einen fleißigen “Dummkopf” zu melken. Würde Wowereit einen Brandanschlag auf sein Haus befürchten müssen, wenn er mal wieder ein paar Millionen Verschwendung in den Raum wirft, liefe das Ganze sicher anders.

Würde Thomas de Mazière mitsamt seiner hochkarätigen Berater in einem Mob aus wütenden Bürgern mit Fackeln und Schaufeln untergehen, müsste sein Nachfolger kommende Projekte vorsichtiger planen.

Doch es wird nur munter weiter verschwendet, das Ganze wird akzeptiert und unsere Kindeskinder in 100 Jahren kümmern sich dann um Atommüll, Schulden und so weiter.

Ist das der richtige Weg? Braucht es tatsächlich keine Verantwortung für politische Projektmanager? Lieber die urdeutsche, gemütliche Akzeptanz? Was meinen Sie?

PS. Für 20 Millionen Euro Stromkosten pro Monat könnten Sie übrigens das Gehalt jedes Einwohners in der Republik Niger einen Tag lang verdoppeln, ein paar Tausend Kinder vor dem Hungertod retten, Gratis-Kondome zur Verhinderung der HIV-Ausbreitung verteilen oder Eingreifgruppen in Länder schicken, in denen Vergewaltigungen, Folter und Hinrichtung für ein Kind zum Leben gehören.

Geschrieben von Chris

One thought on “Wie viel ist eigentlich eine Milliarde?

  1. Hans-Jürgen Mandel

    Eine MIlliarde Euro ist, wenn man 20 Jahre lang JEDE Woche (außer an Ostern und an Weihnachten, damit es pro Jahr „nur“ 50 Wochen sind) 1 Million im Lotto gewinnt. 20 Jahre lang JEDE Woche! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Und das ist dann „nur“ eine Milliarde, „nur“ eine …

    Reply

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